“Nachfolge” im Lockdown (Tag 62)

Warum irrt der Junger? Why is the rich young ruler (Matthew 19:16-22) mistaken?


Die Frage nach dem ewigen Leben ist dem Jüngling eine Frage, über die er mit einem „guten Meister“ zu sprechen und zu diskutieren wünscht. Aber schon hier stellt sich ihm das Wort Jesu in den Weg: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.“ Die Frage hat schon sein Herz verraten. Er wollte mit einem guten Rabbi über das ewige Leben reden, jetzt bekommt er zu hören, daß er in Wahrheit mit dieser Frage nicht vor einem guten Meister, sondern vor Gott selbst steht. Er wird also keine Antwort vom Sohne Gottes empfangen, die etwas anderes wäre, als der klare Hinweis auf das Gebot des einigen Gottes. Er wird keine Antwort eines „guten Meisters“ empfangen, die zu dem offenbaren Willen Gottes noch eine eigene Meinung hinzufügte.

The question about eternal life is to the young man a question over which he wishes to speak and to discuss. But already here the word of Jesus stands in the way: “Why do you call me good? No one is good except the only God.” The question has already betrayed his heart. He wants to talk with a good rabbi about eternal life, he even comes to realise [lit: hear], that he in truth, with this question, stands not before a good master but rather before God himself. He will thus receive no answer from the Son of God, that would be anything other than the clear reference to the commandment of the one God. He will not receive a “Good master”’s answer, which adds to the revealed will of God even one’s own meaning.

Jesus weist auf den allein guten Gott von sich weg und bewährt sich gerade darin als der vollkommene gehorsame Sohn Gottes. Steht aber der Frager vor Gott selbst, so ist er zugleich ertappt als einer, der auf der Flucht war vor dem offenbaren Gebot Gottes, das er ja selbst kennt. Der Jüngling weiß ja die Gebote. Aber dies eben ist seine Lage, daß er sich nicht mit ihnen zufriedengeben kann, daß er über sie hinaus will. Seine Frage ist durchschaut als die Frage einer selbsterdachten und selbsterwählten Frömmigkeit.

Jesus points to the only good God away from himself and proves Himself precisely in this as the perfect obedient Son of God. But when the questioner stands before God himself, he is at the same time caught as one, who was on the escape from the revealed commandment of God, which he himself knows. The young man knows the commands. But this is his very situation, that he cannot even be satisfied with them, that he wants [to go] over them. His question is seen through as a question of a self-made and self-selected piety.

Warum hat der Jüngling nicht genug an dem offenbaren Gebot? Warum tut er, als wüßte er nicht längst die Antwort auf seine Frage? Warum will er Gott beschuldigen, er habe ihn in dieser entscheidenden Frage des Lebens in Unwissenheit gelassen? So ist der Jüngling bereits gefangen und vor Gericht gezogen. Er wird von der unverbindlichen Frage nach dem Heil zurückgerufen zum schlichten Gehorsam gegen die offenbaren Gebote.

Why has the young man not enough from the revealed commandment? Why does he, act as he does not know the answer to his question? Why would he blame God [that] he had left him in this decisive question of life in ignorance? Thus the young man is already trapped and drawn before judgement. He is called back from the uncommittal question about salvation, to simple obedience to the revealed commandments.


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 61)

Bonhoeffer erklärt nun die Geschichte von Jesus und dem reichen jungen Herrscher. Wir werden herausgefordert sein (nicht nur wegen der deutschen Sprache!)


Die Frage des Jünglings nach dem ewigen Leben ist die Frage nach dem Heil, sie ist die einzig ernste Frage schlechthin. Aber es ist nicht leicht, diese Frage recht zu stellen.

The question from the young man about eternal life (Matthew 19:16-22: “What should I do to gain eternal life, good teacher?”) is the question about salvation, which is the only serious question absolutely. But it is not easy to ask this question correctly.

Das zeigt sich daran, daß der Jüngling, der doch offenbar diese Frage meint, im Grunde schon eine ganz andere Frage stellt, ja daß er tatsächlich der Frage ausweicht. Er richtet nämlich seine Frage an den „guten Meister“. Er will die Meinung, den Rat, das Urteil des guten Meisters, des großen Lehrers zu dieser Frage hören.

This is shown by the fact that the young man, who clearly means this question, in fact is already asking a totally different question, indeed he actually avoids the question. He namely directs his question to the “good master”. He will hear the meaning, the counsel, the judgement of the good master, of the great teacher, to this question.

Er gibt damit zweierlei zu erkennen: Erstens, ihm ist seine Frage von größter Wichtigkeit, Jesus muß zu ihr etwas Bedeutungsvolles zu sagen haben. Zweitens aber erwartet er von dem guten Meister, dem großen Lehrer wohl eine wesentliche Äußerung, aber doch nicht eine unbedingt verbindliche göttliche Weisung.

He with this indicates two things: first, his question is of utmost importance to him, Jesus must have something full-of-meaning to say to him. But secondly, he expects from the good master, the great teacher, a crucial pronouncement, but still not necessarily a binding divine instruction.


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 60)

Bonhoeffer moves on to reflect on the story of Jesus and the rich young ruler. I am preparing to be challenged (not just by the German!)

Bonhoeffer erklärt nun die Geschichte von Jesus und dem reichen jungen Herrscher. Wir werden herausgefordert sein (nicht nur wegen der deutschen Sprache!)


Wird einer damit auf den Weg der eigenen Werke verführt? Nein, vielmehr wird er darauf verwiesen, daß sein Glaube kein Glaube ist, er wird aus der Verstrickung in sich selbst befreit. Er muß in die freie Luft der Entscheidung. So wird ihm der Ruf Jesu zum Glauben und zur Nachfolge neu hörbar gemacht.

[If we call someone to obedience,] Does one become in this way enticed into the way of one’s own works? No, rather he is referred to the fact, that his faith is not faith, he is freed from the entanglement in himself. He must [come into] the free air of choice. Then, the call of Jesus to faith and to discipleship is made newly audible.

Damit stehen wir bereits mitten in der Geschichte vom reichen Jüngling.

This sets us already in the midst of the story of the rich young man.

„Und siehe, einer trat zu ihm und sprach: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben? Er aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Da sprach er zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter!“ und: „du sollst deinen Nächstenlieben wie dich selbst.“ Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von ihm; denn er hatte viele Güter“ (Mtt. 19,16-22).

“And behold, one come to him and said: Good Master, what good should I do, [so] that I may have eternal life?” But he said to him: “Why [lit: What] do you call me good? No one is good [except] for the only God. But if you will enter into [eternal] life, then keep the commandments. Then he said to him: “Which?” But Jesus said: “You shall not murder; you shall not commit adultery; you shall not steal, you shall not give false testimony, honour father and mother!” and: “You shall love your neighbour as yourself.” Then the young man said to him: “This I have all kept up from my youth; what is yet missing of me?” Jesus said to him: “You wish to be complete, so go, sell what you have, and give to the poor, then you will have treasure in Heaven; and come and follow me!” Then the young man heard the word, he went from him sorrowful, because he had many goods.” (Matt 19:16-22)


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 59)

Der Tatbestand ist also kurz der…

The facts are summarised as thus…


Der Mensch hat sich durch den Satz, daß der Glaubende allein gehorsam sei, vergiftet mit der billigen Gnade.

The facts are summarised as thus: the person who has himself through the statement that only the believer is obedient, is poisoned with cheap grace.

Er bleibt im Ungehorsam und tröstet sich einer Vergebung, die er sich selbst zuspricht, und verschließt sich damit dem Wort Gottes.

He remains in disobedience and comforts himself with a forgiveness, that he grants himself, and closes himself from the word of God.

Der Einbruch in die Festung mißlingt, solange ihm allein der Satz wiederholt wird, hinter dem er sich versteckte.

The break-in of the fortress fails, so long as only the sentence which he was hiding behind is repeated to him.

Es muß die Wendung eintreten, der Andere muß zum Gehorsam gerufen werden: Nur der Gehorsame glaubt!

The turning point must happen, the other [hardened person] must be called to obedience: only the obedient believe!


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 58)

Previously:


Jetzt geschieht der Einbruch in die Festung, die dieser sich gebaut hat, mit dem Satz: Nur der Gehorsame glaubt. Also, das Gespräch wird abgebrochen, und der nächste Satz des Seelsorgers heißt: „Du bist ungehorsam, du verweigerst Christus den Gehorsam, du willst ein Stück eigener Herrschaft für dich behalten. Du kannst Christus nicht hören, weil du ungehorsam bist, du kannst die Gnade nicht glauben, weil du nicht gehorchen willst. Du verstockst dich an irgendeiner Stelle deines Herzens gegen den Ruf Christi. Deine Not ist deine Sünde.“

Now occurs the breach of the fortress, which this [person] has built for himself, with the statement: “Only the obedient believe”. So, the conversation is broken off, and the next statement of the pastor is: “You are disobedient, you refuse to obey Christ, you wish to keep a part of your own dominion to yourself. You cannot hear Christ, because you are disobedient, you can not believe grace, because you do not wish to obey. You harden yourself in every part of your heart against the call of Christ. Your misery is your sin.”

Jetzt ist Christus selbst wieder auf dem Plan, jetzt greift er den Teufel im Anderen an, der sich bisher hinter der billigen Gnade versteckt hielt. Jetzt wird alles darauf ankommen, daß der Seelsorger die beiden Sätze bereit hat: Nur der Gehorsame glaubt, und nur der Glaubende gehorcht. Er muß im Namen Jesu zum Gehorsam, zur Tat, zum ersten Schritt aufrufen. Verlasse, was dich bindet und folge ihm nach! In diesem Augenblick hängt alles an diesem Schritt.

Now Christ himself is again on the scene, now he is attacking the devil in the other, who until now was hiding behind cheap grace. Now everything will depend on [lit: arrive] that the pastor has both statements ready: “Only the obedient believe”, and “only the believer obeys.” He must invoke the name of Jesus for obedience, for action to [take] the first step. Leave what binds you and follow him! In this moment everything hangs on this step.

Die Stellung, die der Ungehorsame bezogen hatte, muß durchbrochen werden; denn in ihr konnte Christus nicht mehr gehört werden. Der Flüchtling muß heraus aus seinem Versteck, das er sich gebaut hat. Erst draußen kann er wieder frei sehen, hören, glauben. Zwar ist vor Christus nichts damit gewonnen, daß das Werk getan ist, es bleibt an sich ein totes Werk. Dennoch muß Petrus auf das schwankende Meer, damit er glauben kann.

The position that the disobedient had taken must be broken, because in it Christ could no longer be heard. The fugitive must come out of his hiding place that he has built for himself. Only outside can he again see freely, hear, believe. Although nothing is gained before Christ, with that the work is done, it remains in itself a dead work. Yet Peter must [head] out on the shaky sea, so that he can believe.