“Nachfolge” im Lockdown (Tag 65)

We’re nearing the end of the chapter!


Diese Enthüllung vollzieht sich durch die Antwort Jesu. Die offenbaren Gebote Gottes werden genannt. Indem Jesus sie nennt, bestätigt er sie aufs neue als Gottes Gebote. Abermals ist der Jüngling gestellt.

This unveiling takes place through Jesus’s answer. The revealed commandments of God are stated. In Jesus naming them, he affirms them anew as God’s commandments. Again the young man is posed [a question].

Er hoffte noch einmal in die Unverbindlichkeit eines Gespräches über ewige Fragen durchbrechen zukönnen. Er hoffte, Jesus werde ihm eine Lösung des ethischen Konflikts bieten.

He hoped once again in the non-binding nature of a conversation over eternal questions, to break through. He hoped, Jesus would offer him a solution for the ethical conflict.

Statt dessen wird nicht die Frage, sondern er selbst angepackt. Die einzige Antwort auf die Not des ethischen Konflikts ist das Gebot Gottes selbst und damit die Forderung, jetzt nicht mehr zu diskutieren, sondern endlich zu gehorchen.

Instead, it is not the question, but rather he himself that is tackled. The only answer to the distress of the ethical conflict is the commandment of God himself, and thus the demand now not to discuss more, but finally to obey.

Nur der Teufel hat eine Lösung des ethischen Konflikts anzubieten, und die heißt: Bleibe im Fragen, so bist du frei vom Gehorchen. Jesus zielt nicht auf das Problem des Jünglings, sondern auf den Jüngling selbst. Er nimmt den von dem Jüngling so todernst genommenen ethischen Konflikt gar nicht ernst. Ernst ist ihm nur eines, nämlich daß der Jüngling endlich das Gebot hört und gehorcht.

Only the devil has a solution to the ethical conflict to offer, and that is: Remain in questioning, so you are free from obeying. Jesus doesn’t aim at the young man’s problem, but at the young man himself. He does not take, of which the young man takes dead seriously, the ethical conflict really seriously. He is only serious about one thing, namely that the young man finally hears and obeys the commandment.

Gerade dort, wo der ethische Konflikt so ernst genommen sein will, wo er den Menschen quält und knechtet, weil er ihn nicht zur befreienden Tat des Gehorsams kommen läßt, gerade dort enthüllt sich seine ganze Gottlosigkeit, dort muß er in seiner ganzen ungöttlichen Unernsthaftigkeit als definitiver Ungehorsam offenbar werden.

Precisely where the ethical conflict wants to be taken so seriously, where it torments and subjugates people, because it does not allow him to come to the liberating act of obedience, precisely there its entire ungodliness is revealed, there it must be in all its ungodly unseriousness as definitive disobedience.

Ernst ist allein die gehorsame Tat, die den Konflikt beendet und zerstört, in der wir befreit sind zum Kinde Gottes. Das ist die göttliche Diagnose, die dem Jüngling gestellt wird.

Seriousness is alone the obedient act, that ends and destroys the conflict, in which we are liberated to [become] the child of God. This is the divine diagnosis, which is given to the young man.


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 64)

A dip back into the past in today’s section.


Der ethische Konflikt als das ethische Urphänomen des Menschen nach dem Fall ist selbst der Widerspruch des Menschen gegen Gott. Die Schlange im Paradies legte diesen Konflikt in das Herz des ersten Menschen.

The ethical conflict, as the ethical archetypal phenomenon of people after the fall, is itself the rebellion of people against God. The serpent in paradise placed this conflict in the heart of the first person.

„Sollte Gott gesagt haben?“ Vom klaren Gebot und vom einfältigen kindlichen Gehorsam wird der Mensch losgerissen durch den ethischen Zweifel, durch den Hinweis darauf, daß das Gebot ja noch durchaus der Auslegung und Deutung bedarf.

“Should God have said?” The human is torn away from the clear commandment and from simple child-like obedience through the ethical question, by the reference to [the fact] that the commandment is still in need of interpretation and explanation.

„Sollte Gott gesagt haben?“ Der Mensch selbst soll darüber entscheiden, in der Kraft seines Wissens um Gut und Böse, in Kraft seines Gewissens, was das Gute sei. Das Gebot ist vieldeutig, Gott will, daß der Mensch es deute und auslege und sich in Freiheit entscheide.

“Should God have said?” The person himself should decide, in the strength of his knowledge of good and evil, in the strength of his conscience, what is good. The commandment is ambiguous, God wants people to interpret it and decide freely.

Damit ist der Gehorsam gegen das Gebot schon verweigert. An die Stelle des einfältigen Tuns ist ein zwiefältiges Denken getreten. Der Mensch des freien Gewissens rühmt sich gegen das Kind des Gehorsams. Die Berufung auf den ethischen Konflikt ist die Aufsage des Gehorsams. Es ist der Rückzug von der Wirklichkeit Gottes auf das Mögliche des Menschen, vom Glauben auf den Zweifel.

In this, obedience to the commandment is already refused. In the place of simple-minded action is replaced with double-minded thinking. The person of free conscience boasts against the child of obedience. The appeal to the ethical conflict is the imposition of obedience. It is the retreat from the reality of God to the possibility of man, from faith to doubt.

So geschieht nun das Unerwartete, daß dieselbe Frage, in der der Jüngling seinen Ungehorsam zu verhüllen sucht, ihn enthüllt als den, der er ist, nämlich als den Menschen unter der Sünde.

Thus the unexpected now happens, that the same question in which the [rich] young man tries to conceal his disobedience, reveals him for what he is, namely as a person under sin.


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 63)

The rich young ruler’s second fatal question: “Which ones?”


Es folgt ein zweiter Fluchtversuch. Der Jüngling antwortet mit einer weiteren Frage: „Welche“? In dieser einen Frage steckt der Satan selbst. Hier war ja der einzig mögliche Ausweg für den, der sich gefangen sah.

A second escape attempt follows. The young man answers with a further question: “Which”? In this one question is Satan himself. Here was indeed the only possible way out for the one, who saw himself trapped.

Natürlich weiß der Jüngling die Gebote; aber wer will denn aus der Fülle der Gebote wissen, welches Gebot gerade ihm, gerade jetzt gilt? Die Offenbarung des Gebotes ist vieldeutig, ist unklar, sagt der Jüngling. Er sieht nicht die Gebote, sondern er sieht wiederum nur sich selbst, seine Probleme, seine Konflikte.

Of course the young man knows the commandments, but who wants to know from the fullness of the commandments, which command applies to him now? The revelation of the commands is ambiguous, is unclear, says the young man. He does not see the commandment, rather he sees in turn only himself, his problems, his conflicts.

Vom klaren Gebot Gottes zieht er sich zurück auf die interessante unbestreitbar menschliche Situation des „ethischen Konflikts“. Nicht dies ist daran falsch, daß er diesen Konflikt kennt, sondern daß dieser Konflikt ausgespielt wird gegen die Gebote Gottes. Vielmehr sind die Gebote gerade dazu gegeben, um den ethischen Konflikt zu Ende zu bringen.

From the clear commandment of God, he pulls himself back to the interesting undeniably human situation of “ethical conflict”. It is not wrong, that he knows this conflict; rather, that this conflict is played out against the commandments of God. Rather the commandments have precisely been given, to bring the ethical conflict to an end.

“Nachfolge” im Lockdown (Tag 62)

Warum irrt der Junger? Why is the rich young ruler (Matthew 19:16-22) mistaken?


Die Frage nach dem ewigen Leben ist dem Jüngling eine Frage, über die er mit einem „guten Meister“ zu sprechen und zu diskutieren wünscht. Aber schon hier stellt sich ihm das Wort Jesu in den Weg: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.“ Die Frage hat schon sein Herz verraten. Er wollte mit einem guten Rabbi über das ewige Leben reden, jetzt bekommt er zu hören, daß er in Wahrheit mit dieser Frage nicht vor einem guten Meister, sondern vor Gott selbst steht. Er wird also keine Antwort vom Sohne Gottes empfangen, die etwas anderes wäre, als der klare Hinweis auf das Gebot des einigen Gottes. Er wird keine Antwort eines „guten Meisters“ empfangen, die zu dem offenbaren Willen Gottes noch eine eigene Meinung hinzufügte.

The question about eternal life is to the young man a question over which he wishes to speak and to discuss. But already here the word of Jesus stands in the way: “Why do you call me good? No one is good except the only God.” The question has already betrayed his heart. He wants to talk with a good rabbi about eternal life, he even comes to realise [lit: hear], that he in truth, with this question, stands not before a good master but rather before God himself. He will thus receive no answer from the Son of God, that would be anything other than the clear reference to the commandment of the one God. He will not receive a “Good master”’s answer, which adds to the revealed will of God even one’s own meaning.

Jesus weist auf den allein guten Gott von sich weg und bewährt sich gerade darin als der vollkommene gehorsame Sohn Gottes. Steht aber der Frager vor Gott selbst, so ist er zugleich ertappt als einer, der auf der Flucht war vor dem offenbaren Gebot Gottes, das er ja selbst kennt. Der Jüngling weiß ja die Gebote. Aber dies eben ist seine Lage, daß er sich nicht mit ihnen zufriedengeben kann, daß er über sie hinaus will. Seine Frage ist durchschaut als die Frage einer selbsterdachten und selbsterwählten Frömmigkeit.

Jesus points to the only good God away from himself and proves Himself precisely in this as the perfect obedient Son of God. But when the questioner stands before God himself, he is at the same time caught as one, who was on the escape from the revealed commandment of God, which he himself knows. The young man knows the commands. But this is his very situation, that he cannot even be satisfied with them, that he wants [to go] over them. His question is seen through as a question of a self-made and self-selected piety.

Warum hat der Jüngling nicht genug an dem offenbaren Gebot? Warum tut er, als wüßte er nicht längst die Antwort auf seine Frage? Warum will er Gott beschuldigen, er habe ihn in dieser entscheidenden Frage des Lebens in Unwissenheit gelassen? So ist der Jüngling bereits gefangen und vor Gericht gezogen. Er wird von der unverbindlichen Frage nach dem Heil zurückgerufen zum schlichten Gehorsam gegen die offenbaren Gebote.

Why has the young man not enough from the revealed commandment? Why does he, act as he does not know the answer to his question? Why would he blame God [that] he had left him in this decisive question of life in ignorance? Thus the young man is already trapped and drawn before judgement. He is called back from the uncommittal question about salvation, to simple obedience to the revealed commandments.


“Nachfolge” im Lockdown (Tag 61)

Bonhoeffer erklärt nun die Geschichte von Jesus und dem reichen jungen Herrscher. Wir werden herausgefordert sein (nicht nur wegen der deutschen Sprache!)


Die Frage des Jünglings nach dem ewigen Leben ist die Frage nach dem Heil, sie ist die einzig ernste Frage schlechthin. Aber es ist nicht leicht, diese Frage recht zu stellen.

The question from the young man about eternal life (Matthew 19:16-22: “What should I do to gain eternal life, good teacher?”) is the question about salvation, which is the only serious question absolutely. But it is not easy to ask this question correctly.

Das zeigt sich daran, daß der Jüngling, der doch offenbar diese Frage meint, im Grunde schon eine ganz andere Frage stellt, ja daß er tatsächlich der Frage ausweicht. Er richtet nämlich seine Frage an den „guten Meister“. Er will die Meinung, den Rat, das Urteil des guten Meisters, des großen Lehrers zu dieser Frage hören.

This is shown by the fact that the young man, who clearly means this question, in fact is already asking a totally different question, indeed he actually avoids the question. He namely directs his question to the “good master”. He will hear the meaning, the counsel, the judgement of the good master, of the great teacher, to this question.

Er gibt damit zweierlei zu erkennen: Erstens, ihm ist seine Frage von größter Wichtigkeit, Jesus muß zu ihr etwas Bedeutungsvolles zu sagen haben. Zweitens aber erwartet er von dem guten Meister, dem großen Lehrer wohl eine wesentliche Äußerung, aber doch nicht eine unbedingt verbindliche göttliche Weisung.

He with this indicates two things: first, his question is of utmost importance to him, Jesus must have something full-of-meaning to say to him. But secondly, he expects from the good master, the great teacher, a crucial pronouncement, but still not necessarily a binding divine instruction.